Auf Grund der Corona-Situation wurde die für den 20.06.2020 geplante Veranstaltung auf den 19. Juni 2021 verschoben! Auch dieser Termin ist hinfällig und wird hiermit für den 18.06.2022 geplant! - Ehrenkolloquium aus Anlass des 100. Jahrestages der Gründung der Entomologischen Gesellschaft Magdeburg (EGM) – Fachgruppe am Museum für Naturkunde.

Nähere Infos auf https://www.entogema.de

 

Der ehemalige Salzige See im Mansfelder Land

von Dr. Martin Trost (Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt)


Projekt „Naturschutzfachliche Untersuchungen am ehemaligen Salzigen See“

Das Verschwinden des Salzigen Sees gegen Ende des 19. Jahrhunderts war eine der gravierendsten Umweltkatastrophen in Mitteldeutschland. Etwa 90 Jahre später nahmen Vorstellungen, den Salzigen See in seiner ehemaligen Gestalt wiederentstehen zu lassen, in der Region genauere Gestalt an. Das Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt begann frühzeitig, die naturschutzfachlichen Aspekte dieses ehrgeizigen und hochkomplexen Plans zu untersuchen. Zwischen Mitte und Ende der 1990er Jahre wurde ein umfassendes Projekt zur Untersuchung und Bewertung von Fauna, Flora und Vegetation des Gebietes eingeleitet, das letztlich zu Empfehlungen für eine naturschutzfachlich möglichst verträgliche Wiederentstehung des Sees führte. Aus unterschiedlichen Gründen wurde das Projekt der Wiederentstehung des Salzigen Sees nicht verwirklicht. Nichtsdestotrotz lieferten die in vielerlei Hinsicht beispielhaften Untersuchungen einen faszinierenden Einblick in die biologische Vielfalt des Gebietes und beschreiben Historie und langfristige Auswirkungen eines in Europa einmaligen Eingriffs in den Landschafts- und Naturhaushalt.

salziger see karte
Übersichtskarte über das Gebiet des ehemaligen Salzigen Sees

Verschwinden des Salzigen Sees

Das Verschwinden des Salzigen Sees wurde durch großräumig wirksame, tiefgreifende Entwässerungen des Mansfelder Kupferschieferbergbaus verursacht. Landschaftsökologische Folgen der bergbaulichen Wasserhaltung zeichneten sich langfristig ab - z. B. durch sinkende Wasserstände im Salzigen See und versiegende Quellen - und erreichten einen dramatischen Höhepunkt, als nach starken Wassereinbrüchen im Mansfelder Bergbaurevier im Jahr 1892 der Wasserspiegel des Salzigen Sees drastisch absank, so dass der See schließlich bis auf wenige Restgewässer künstlich trockengelegt und ab 1895 in landwirtschaftliche Nutzung genommen wurde. Das sich nach der Trockenlegung weiterhin am ehemaligen Seeboden ansammelnde Wasser wird bis heute über ein Grabensystem abgeleitet und in die Salza gepumpt. Dieser drastische landschaftsökologische Eingriff hatte auch den weitestgehenden Verlust nicht nur des Gewässers, sondern auch der Verlandungs- und sonstigen Feuchtvegetation einschließlich der primären Salzstelle bei Erdeborn zur Folge. Damit einher gingen lokale Aussterbevorgänge mehrerer halophiler und halobionter, aber auch nicht salzgebundener hygrophiler Arten. Neben dem Verlust des Sees fanden aber auch langfristige Änderungen der landwirtschaftlichen Landnutzung statt, die ebenfalls Auswirkungen auf Arten und Lebensgemeinschaften hatten.

Wiedervernässung im Becken des ehemaligen Salzige Sees

Im Jahr 1970 stellte man die Zwangswasserhaltung im Mansfelder Kupferschieferrevier ein, als der Kupferschieferbergbau komplett zum Erliegen kam. Als Resultat stieg der Grundwasserstand in der gesamten Mansfelder Mulde an. Dies führte einerseits zur Zunahme der Schüttung von Salzquellen und infolge dessen zu punktuell erhöhtem Salzeinfluss, andererseits zu großflächigen Vernässungen im Becken des ehemaligen Salzigen Sees und im Salzatal einschließlich diffuser Salzwasserzuflüsse. Östlich von Langenbogen bildeten sich ausgedehnte Flachgewässer mit schwankenden Wasserständen und z. T. breiten Röhrichtgürteln heraus – Äcker und bei Langenbogen auch eine Kleingartenkolonie mussten aufgegeben werden. Im Becken des ehemaligen Salzigen Sees hat sich ein kleinräumig verzahntes Mosaik aus Äckern, Wirtschaftsgrünland, Brachen und diffus salzbeeinflussten Flachgewässern mit eutropher Verlandungsvegetation und temporären Schlammfluren etabliert. Punktuell ist die Salzbeeinflussung aufgrund von Salzquellen erhöht, Verdunstung in Trockenperioden trägt zur Aufkonzentration der Salze in Uferbereichen bei.

Die Wiedervernässungsvorgänge gaben den Anlass zu dem Projekt der geplanten Wiederentstehung des Salzigen Sees, das aber mittlerweile nicht mehr konkret weiterverfolgt wird.

Vegetation, Flora und Fauna

Für die Untersuchungen und Bewertungen wurde ein engeres Untersuchungsgebiet mit dem Becken des ehemaligen Salzige Sees und seinem unmittelbaren Randbereich und ein weiteres Untersuchungsgebiet, d.h. das Umfeld des Süßen und des ehemaligen Salzigen Sees sowie des Tal der Salza bis zu ihrer Einmündung in die Saale, unterschieden. Im engeren Untersuchungsgebiet erfolgten intensive Bestandsaufnahmen, so z.B. eine detaillierte Vegetationskartierung, Vegetationserhebungen und zoologische Erfassungen auf Dauerbeobachtungsflächen (Monitoring), Untersuchungen zur Röhrichtentwicklung und für das Gesamthabitatinventar repräsentative faunistische Inventarisierungen. Die Tabelle gibt eine Übersicht zu den Artenzahlen der unterschiedlichen Taxa, bei denen die Entomofauna eine Hauptrolle spielte.

Artengruppe
Artenzahlen im Untersuchungsraum (1999)
engerer Untersuchungsraum
gesamter Untersuchungsraum
Gefäßpflanzen (Pteridophyta & Spermatophyta)
623
923
Mollusken (Gastropoda & Bivalvia)
69
98
Webspinnen (Araneae)
172
204
Libellen (Odonata)
24
31
Heuschrecken (Ensifera & Caelifera)
25
32
Wanzen (Heteroptera)
37
37
Laufkäfer (Coleoptera: Carabidae)
231
272
Wasserkäfer (Coleoptera: div. Fam.)
99
144
Kurzflügler (Coleoptera: Staphylinidae)
181
294
Rüsselkäfer (Coleoptera: Curculionidae)
134
182
Wildbienen (Hymenoptera: Apidae)
87
211
Zikaden (Auchenorrhyncha)
71
167
Großschmetterlinge (Lepidoptera)
101
319
Zweiflügler (Diptera: Empidoidea)
149
189
Lurche (Amphibia)
9
11
Vögel (Aves)
130
149

Es zeigte sich, dass das Gebiet des ehemaligen Salzigen Sees sowie der Mansfelder Seen insgesamt über eine enorme biologische Vielfalt verfügt und zu den wohl artenreichsten Räumen Mitteldeutschlands zählen kann. Das Gebiet ist besonders reich an arealkundlichen Besonderheiten, z.T. ausgesprochenen Raritäten - ein Umstand, der bereits zur historischen Berühmtheit des Salzigen Sees unter Faunisten und Floristen führte. Von besonderer Bedeutung sind heute:

  • Salzbeeinflusste Habitate. Trotz erheblicher Habitatverluste am Ende des 19. Jahrhunderts stellt das Becken des Salzigen Sees sowie sein unmittelbares Umfeld mit Feuchtgebieten und Restgewässern eine der reichsten Binnenlandsalzstellen Mitteleuropas dar.
  • Feuchtgebiete und ausgedehnte Verlandungsbereiche mit dynamisch schwankenden Wasserständen
  • Xerothermhabitate an den Hangbereichen im Norden des Seebeckens.

Prognose der Auswirkungen der geplanten Flutung

Für eine Prognose der Auswirkungen der geplanten Flutung wurde im Wesentlichen versucht, aus der zu erwartenden Habitatausstattung und auf Grundlage der Kenntnis der Habitatbindung auf die Bestandssituation der Arten im Seebecken zu schließen. Wegen nicht unerheblicher Unsicherheiten der Rahmenbedingungen der Flutung (zeitlicher Ablauf, Wasserstände etc.) sowie auch aufgrund von faunistisch-ökologischen Kenntnisdefiziten stellte dies eine schwierige Aufgabe dar.

Auf Basis der Prognosen wurden Empfehlungen für das Flutungsvorhaben, insbesondere für notwendige begleitende Maßnahmen und Vorkehrungen vorgenommen.

Weiterführende Literatur (Auswahl)

Projektberichte

Die Berichte zum Projekt liegen im Landesamt für Umweltschutz Sachsen-Anhalt vor.

Übersichtspublikation

Der Salzige See. - Naturschutz im Land Sachsen-Anhalt 37 (Sonderheft 2000): 1-72.

Salziger See Heft 

Inhalt:

· Einführung
· Die Lage des Salzigen Sees (M. Trost & U. Rauchhaus)
· Die Siedlungs- und Nutzungsgeschichte der Landschaft der Mansfelder Seen (G. Weiß)
· Die Pflanzenwelt im Gebiet des ehemaligen Salzigen Sees (U. Rauchhaus & H. John)
· Die Tierwelt im Gebiet des ehemaligen Salzigen Sees (I. A. Al Hussein, R. Dietze, K. Hartenauer, J. Huth, M.   Lübke-Al Hussein, F. Meyer, S. Neumann, M. Reuter, H.   Ruhnke, M. Trost, M. Schädler, K. Schneider, P.   Schnitter, A. Stark & T. Stenzel)
· Schutzgebiete im Bereich des ehemaligen Salzigen Sees (C. Funkel)
· Die wasserwirtschaftlichen Probleme bei der Wiederentstehung des Salzigen Sees (J. Seiert & T. Bach)
· Entwicklungsperspektiven für Natur und Landschaft - Chancen und Risiken der Wiederentstehung des Salzigen   Sees (M. Schulze, F. Meyer, G. Weiß & M. Trost)
· Ausgewähltes Schrifttum zum Gebiet der Mansfelder Seen (zusammengestellt von U. Ruge)

Literatur zur aktuellen Entomofauna des Gebietes:

Al Hussein, I. A. (2000): Zur Spinnenfauna (Arachnida, Araneae) des ehemaligen Salzigen Sees. - Hercynia N.F. 33: 281-292.

Trost, M. (2004): Die Habitatbindung und Phänologie der halophilen und halobionten Laufkäfer (Coleoptera, Carabidae) im Gebiet der Mansfelder Seen im Süden Sachsen-Anhalts. - Abh. Ber. Naturkunde 27: 133-163.

Trost, M. (2006): Die historische und aktuelle Bestandssituation der halobionten und halophilen Laufkäferfauna (Coleoptera, Carabidae) im Gebiet der Mansfelder Seen westliche von Halle/Saale (Sachsen-Anhalt). - Hercynia N.F. 39: 121-149.

Trost, M., Schnitter, P. H. & Grill, E. (1996): Zur Bedeutung von Salzhabitaten am ehemaligen Salzigen See aus entomofaunistischer Sicht am Beispiel der Laufkäfer (Coleoptera, Carabidae). - Entomol. Mitt. Sachsen-Anhalt 4: 22-27.

Trost, M., Schnitter, P. H. & Grill, E. (1999): Untersuchungen zur aktuellen Laufkäferfauna (Coleoptera: Carabidae) des ehemaligen Salzigen Sees im Mansfelder Land (Sachsen-Anhalt). - Hercynia N. F. 32: 275-301.

Fotos

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Flachgewässer mit ausgedehnten, salzbeeinflussten Schlammflächen und Röhrichten im Becken des ehemaligen Salzigen Sees bei Eisleben (Foto: M. Trost 2005)

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Lehmabgrabung südlich von Aseleben

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Trockenhänge am Rand des ehemaligen Salzigen Sees südlich von Aseleben